[Interview] Dr. Philipp Kreibohm - Start-up Investor & Gründer von Home24 - European Champions Alliance
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[Interview] Dr. Philipp Kreibohm – Start-up Investor & Gründer von Home24

[Interview] Dr. Philipp Kreibohm – Start-up Investor & Gründer von Home24

Dr. Philipp Kreibohm, Entrepreneur und Home24-Gründer, studierte ursprünglich Jura, gründete aber noch während seines Studiums mit Freunden zusammen im Jahre 2000 das Berliner Softwareunternehmen „Mundwerk“. Er verkaufte seinen Anteil vor seinem zweiten Staatsexamen, und war anschließend bei der Kanzlei Freshfields und als Consultant bei BCG tätig. Dort hielt es ihn nicht allzu lange und Philipp Kreibohm entschied sich zwei Jahre lang im Gründungsteam Rocket Internet mitaufzubauen, bevor er 2009 Home24 gründete. Home24 ist inzwischen in sieben europäischen Märkten sowie in Südamerika aktiv. Im Jahre 2018 ging das Unternehmen an die Börse, Zeit für Kreibohm im Frühjahr 2019 aus dem operativen Geschäft auszusteigen. Heute ist er Investor im Technologie-Bereich. Wir haben mit Philipp Kreibohm über die Tech Zukunft nach Corona, die Förderung des europäischen Ökosystems und mögliche Stolpersteine auf dem Weg dahin gesprochen.

 

ECA:

Philipp, Du hast in der Vergangenheit eine Menge gemacht und mitgestaltet. Zehn Jahre Home24 ist eine lange Zeit. Gibt es nach einem Jahrzehnt überhaupt noch Challenges innerhalb eines Unternehmens?

 

Philipp K.:

Auf jeden Fall. In Zeiten der Home24-Gründung existierte die Einrichtungsbranche im E-Commerce noch nicht. Gleichzeitig haben wir eine Migration vom Offline-Business in den Online-Markt beobachtet. Dieser Nachfrage ein entsprechendes Angebot gegenüberzustellen, das war unsere initiale Hypothese. Heute ist Home24 die führende Online Plattform für Möbel und Einrichtung in Kontinentaleuropa und Brasilien. Wir haben ein dickes Brett gebohrt, mit allen kleineren und größeren Höhen und Tiefen. Es ist wie ein Marathon, nein eher wie ein Ironman, wir stehen nach wie vor am Anfang und haben noch sehr viel vor.

Der Aufbau von Home24 ist eine wahnsinnig faszinierende und erfüllende Aufgabe gewesen. Auf der anderen Seite muss man natürlich irgendwann wieder durchatmen. Es ist wichtig, dass ein Team nachwächst, das bestimmte Sachen noch besser kann als man selbst. So ist es bei uns der Fall. Ich bin nie jemand gewesen, der gedacht hat, dass man selbst alles am besten machen kann.

 

ECA:

Was hat sich, in Deinen Augen, in den letzten fünf bis zehn Jahren im europäischen Tech-Bereich am meisten weiterentwickelt?

 

Philipp K.: 

Wir haben eindeutig aufgeholt. Die Anzahl der Gründungen und die Finanzierungen im Early-Stage-Bereich sind deutlich größer geworden. Trotzdem gibt es nach wie vor Herausforderungen im Later-Stage- und Growth-Bereich. Ein Großteil der Finanzierungen kommt nicht aus Europa, sondern aus Amerika oder Asien. Und die Anzahl der Unternehmen, die es an die Börse schaffen, ist gering im Vergleich zu anderen großen Geographien. Gleichzeitig wissen wir, dass europäische Gründungen sehr vielversprechend sein können und sich das Potential nicht wesentlich von den USA oder China unterscheidet. Aber es fehlt bei uns auf der Langstrecke die Luft und die finanzielle Ausdauer, um ein Unternehmen zu einem nationalen, europäischen oder internationalen Champion zu bringen.

Bei den Neugründungen steht heute weniger das Consumer Internet im Vordergrund. Es hat eine Entwicklung stattgefunden hin zu mehr B2B-Themen, wo man Wertschöpfungsketten aufbricht und digitalisiert, bis in Richtung Deep Tech. Das ist eine vielversprechende Entwicklung, die zeigt, dass die Digitalisierung viele Wertschöpfungs-Chancen bietet, sei es in Effizienz-, Kosten- oder Vermarktungsthemen. Wir leben in einer großartigen Zeit, in der man mit dem Einsatz von – vergleichbar geringen – Summen durch Technologie und Unternehmergeist in der Lage ist, etwas auf die Beine zu stellen.

 

ECA:

Einer der großen Stolpersteine einer schnellen und effektiven Entwicklung in Europa ist also die geringe finanzielle Ausdauer Deiner Meinung nach?

 

Philipp K.:

Ja, das macht den Unterschied aus. Haben wir einfach nur gute Ideen, oder schaffen wir es zu Champions? Um die Zutaten kurz durchzugehen: was macht eine erfolgreiche Tech-Gründung aus? Eigentlich nicht viel: zunächst das Geschäftsmodell mit einem großen, attraktiven Markt und einem guten Product-Market-Fit. Ein hervorragendes Team und schließlich das erforderliche Kapital, um die Gründung anzuschieben und das Wachstum nachhaltig zu finanzieren. Es fehlt in Europa weder an entsprechenden intelligenten Technologien noch an den guten Geschäftsmodellen oder an hervorragend ausgebildeten Gründerinnen und Gründern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es fehlt vor allem am Geld. 90 Prozent des weltweiten Venture Capitals gehen nach wie vor in die USA und nach China. Europa ist hier ein Mauerblümchen.

Was die Technologiebranche angeht, schauen wir aus Deutschland in letzter Zeit manchmal ein wenig bewundernd nach Frankreich. Es ist sehr spannend, die Arbeit Macrons zu verfolgen, der schon vor Corona mit vielen wirksamen Maßnahmen bewiesen hat, dass die Sicherung der technologischen und ökonomischen Souveränität Frankreichs ein wichtiges Thema für ihn ist.

 

ECA:

Heißt das, dass du viel Potenzial für den Tech-Bereich in den wirtschaftlichen Kooperationen zwischen Deutschland und Frankreich siehst?

 

Philipp K.: 

Gemeinschaftliche Initiativen würden die Durchschlagskraft deutlich erhöhen. Die zentralen Themen sind Geld, die Förderung der Zugänglichkeit von Talenten, und die Überwindung bürokratischer Hürden. In Frankreich werden diese Themen auf nationaler Ebene und mit großer Geschwindigkeit angegangen. Beispiele sind im Jahre 2019 der 5,5 Milliarden Fonds, die Initiative Next 40, French Tech 120 oder das Tech Visa. In Deutschland wurde viel und lange diskutiert, aber erst im Zuge der Corona-Diskussion ist es zu ersten konkreten Initiativen gekommen. Im europäischen Binnenmarkt waren Deutschland und Frankreich immer der Motor der europäischen Integration. Das hat in den letzten Jahren etwas gestoppt, was sehr bedauerlich ist. Gerade mit dem Blick auf den Technologiesektor: in den USA und China sind in den letzten 50, 60 Jahren zig Milliarden-Unternehmen im Technologiebereich entstanden, auch Unternehmen unter einem Marktwert von 100 Milliarden Euro. In Deutschland gibt es gerade mal einen einzigen „global Champion“: SAP. Langsam wachsen Zalando und einige weitere als Hoffnungsträger nach. Trotzdem müssen wir uns selbstkritisch die Frage stellen, ob wir in Deutschland und Europa in Summe einen guten Job gemacht haben. Ich denke: nein.

 

 

ECA:

Wie glaubst Du, kann die European Champions Alliance diese Vernetzung besser helfen herauszuarbeiten? Das Ökosystem noch mehr fördern?

 

Philipp K.:

Für jedes Start-Up und Scale-Up, das in seinem Heimatmarkt den ersten Product-Market-Fit bewiesen hat, ist eine Internationalisierung der nächste logische Schritt, vor allem in die europäischen Nachbarmärkte. Gleichzeitig gibt es in Europa trotz des Binnenmarkts viele nationale, regulatorische Bestimmungen, z.B. im Steuer- oder Arbeitsrecht. Hier gilt es, innereuropäische Markteintritte zu vereinfachen. Wir müssen als Branche den Weg aufzeigen, Brücken bauen und dabei allen Beteiligten, in der Politik und darüber hinaus, entsprechende Impulse geben. Das ist eine wichtige Aufgabe, wo die ECA helfen kann.

 

ECA:

Wir befinden uns nach wie vor in der Covid19-Krise. Gerade in den Zeiten des Lock Downs haben wir in Europa festgestellt, wie sehr abhängig wir doch von Technologien der USA und China sind. Welche Schlüsse ziehst Du daraus?

 

Philipp K.:

Die Corona-Krise ist ein weiterer Weckruf. Gerade in technologischer Hinsicht muss der Fokus auf eine größere europäische Souveränität gelegt werden. Warum liegen 96 Prozent aller europäischen Daten auf amerikanischen und asiatischen Servern – privat wie beruflich? Warum gibt es keine wettbewerbsfähigen europäischen Alternativen? Warum hinken wir hinterher in AI, Quant Computing, autonomem Fahren, Elektrifizierung des Automobilsektors?

Gleichzeitig bin ich skeptisch, was staatliche oder staatlich gelenkte Initiativen angeht. Der Staat ist noch nie ein guter Unternehmer gewesen. In erster Linie muss es darum gehen, dass wir die Wettbewerbsfähigkeit der Tech-Industrie stärken. Das geht nur über einen intelligenten regulatorischen, ordnungspolitischen und steuerlichen Rahmen, und der muss gelegt werden. In Summe ist es kein Hexenwerk: Unternehmen bauen dort ihr Business auf, wo sie gute Rahmenbedingungen vorfinden. Die Aufgabe der Politik ist es, sich auf nationaler Ebene oder auch in Europa darauf zu konzentrieren, und dies schnell. In der Plattform-Ökonomie führen Netzwerkeffekte zu exponentiellem Wachstum. Das Ergebnis sind Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon oder Alibaba. Der Vorsprung, den wir da verloren haben, ist so schnell nicht wieder aufzuholen.

 

ECA:

Du sagst der Staat ist ein kein guter Unternehmer. Nach welchen Kriterien würdest Du versuchen die Start-Ups in und nach der Krise zu unterstützen?

 

Philipp K.:

Ich bin geneigt zu antworten: „Never waste a good crisis“. Das mag zynisch klingen, aber es hilft ja nichts: wir müssen die Krise als Chance ergreifen. Es gibt Start-Ups, die bisher höchst erfolgreich waren, aber mit ungeheurer Wucht von dieser Krise unverschuldet getroffen wurden. Da muss schnell und unkompliziert geholfen werden. Wer Lufthansa und Air France rettet, der muss auch den in Not geratenen Zukunfts- und Hoffnungsträgern, den bisher erfolgreichen Tech-Start-Ups, helfen.

Allgemein werden sich aber gerade für die Digitalbranche Chancen ergeben, gestärkt aus der Krise herauszukommen. Und die Start-Ups werden diese auch nutzen, da bin ich mir ganz sicher. In Summe bin ich optimistisch, was die Zeit nach der Krise angeht.

 

ECA:

Was sind denn die wichtigsten Rahmenbedingungen, an denen wir relativ schnell die Stellschrauben in Europa ziehen müssen?

 

Philipp K.:

Mir erscheinen aktuell in Deutschland drei Punkte besonders wichtig, die man auf europäische Ebene übertragen kann: in Deutschland wird seit langer Zeit über einen großen Zukunftsfonds diskutiert, der sich ein Stück weit an dem französischen 5,5 Milliarden Euro Fonds orientiert. Dieser Fonds soll zehn Milliarden Euro betragen. Ich begrüße diesen Fonds als initialen Hebel von privaten Investments. Es ist jüngst eine erste Tranche in Höhe von zwei Milliarden für die Corona-Krise freigeben worden. Im Rahmen der sog. Corona Matching Facility sind allerdings nur Unternehmen mit europäischen VC-Fonds als Investoren anspruchsberechtigt, was vielleicht industriepolitisch begründbar ist, den betroffenen Start-Ups aber nicht hilft, da viele von außereuropäischen VCs, von Family Offices, durch Business Angels oder selbstfinanziert sind. Wenn ein bisher sehr erfolgreiches Start-Up unverschuldet in die Krise gerät, kann seine Rettung nicht daran hängen, wer bisher Investor war. Auch die Ausgestaltung von sog. Andienungspflichten der Corona Matching Facility ist für viele VCs unattraktiv, so dass das Geld nicht bei den Startups ankommt. Das ist also eine gutgemeinte, aber gerade in der Krise noch nicht gut genug umgesetzte Initiative. Mittelfristig muss es vor allem darum gehen, die strukturellen und steuerlichen Rahmenbedingungen für privates Risikokapital zu verbessern.

Der zweite wichtige Punkt aus meiner Sicht ist die Mitarbeiterbeteiligung. Einer der wichtigsten Treiber für den Bau eines erfolgreichen Unternehmens ist ein gutes Team. Dieses Team muss am unternehmerischen Erfolg beteiligt werden können. Dafür bestehen in Deutschland große steuerliche Hürden. Es gibt inzwischen erste Absichtserklärungen, sich dieses Themas jetzt anzunehmen. Da ist in Deutschland im europäischen Vergleich viel Zeit verloren gegangen. Bei wichtigen, offensichtlichen Themen müssen wir einfach schneller agieren.

Und ein letzter Punkt: es verbieten sich in Deutschland und in Europa jegliche Gedankenspiele zu einer Substanzbesteuerung. Für stark wachsende und deshalb häufig noch defizitäre Startups und deren Gründer hieße dies, dass letztlich „Paper-money“ besteuert würde, obwohl mangels Gewinnen keine Liquidität dafür vorhanden wäre. Es ergäben sich verheerende Folgen für die Existenz der gesamten Branche. Hasso Plattner hat völlig zurecht davor gewarnt.

 

ECA:

Du sagtest wir haben in Europa alles, was wir brauchen: Technologien, Ideen, Erfinder, Unternehmer und einen Binnenmarkt vergleichbar mit den USA. Fehlt Europa vielleicht das nötige “Think Big”? Wieso traut man sich nicht mehr von Anfang an?

 

Philipp K.:

Da ist grundsätzlich etwas dran. Und doch ist aus unternehmerischer Sicht auch Vorsicht geboten. Es sind schon viele „Think Big“-Skalierungen gescheitert, weil das Model, das Produkt oder die Execution noch nicht gut genug waren. Die Unternehmensgründung ist oft ein Trial & Error-Versuch. Das Gleiche gilt auch für die Internationalisierung. Bei einer massiven Skalierung müssen aber alle Rädchen ineinandergreifen. Es ist zudem eine große Herausforderung, die verschiedenen Opportunitäten richtig abzuwägen. Eine Opportunität ist die Internationalisierung, eine andere ist der Fokus. Beim Unternehmensaufbau gibt es die große Versuchung, aber auch das große Risiko, den Fokus zu verlieren. Dieser Fokus lässt sich kaum mit Geld aufwiegen, auch wenn Geld der wichtigste Punkt bleibt. Die unternehmerische Aufgabe ist es, bei einer Internationalisierung die entsprechende Management-Kapazität für die Kernmärkte zu behalten. Auf der anderen Seite müssen wir bei entsprechenden Markt-Chancen und starker Execution natürlich den Ehrgeiz und die Ausdauer haben, etwas Großes zu bauen, auch wenn es viel Geld und große Anstrengungen erfordert, – wie gesagt, eher einen Ironman als nur ein Marathon. Es gibt viel Potenzial, aber wir müssen uns langsam von der Mentalität dorthin entwickeln. Hier sind die entsprechenden Rahmenbedingungen besonders wichtig, um mögliche internationale Champions zu fördern.

 

Ein letzter Punkt: um große zukünftige Champions hervorzubringen, fehlt uns auf institutioneller europäischer Ebene eine tiefergreifende Verknüpfung von Universitäten und der jeweiligen Vermarktung von Spitzenforschung. Es gibt erste Initiativen, die es nun in die richtige Richtung zu lenken gilt. Präsident Macron möchte beispielsweise die ENA abschaffen oder reformieren. Das könnte ein guter Anlass sein, ich warte seit langer Zeit auf den politischen Impuls für die Gründung einer Art deutsch-französischen oder europäischen „Stanfords“. Wir haben genug Technokraten und Juristen in unseren Ländern. Es wäre wünschenswert, eine gemeinsame universitäre Platform für exzellente Forscher, Ingenieure und Unternehmer zu gründen. Das wäre ein großer Katalysator, um die Zukunftschancen, die wir tatsächlich haben, entsprechend zu fördern. Also: mehr europäische Nobelpreise, mehr europäische Googles, Apples, Amazons, Alibabas, usw. Ein entsprechender europäischer oder initial deutsch-französischer Aufschlag würde einen hervorragenden Nährboden für erfolgreiche globale Tech-Champions auf europäischem Boden bereiten.

 

ECA:

Vielen Dank für dieses ausführliche Interview, Philipp Kreibohm!

 

Über Home 24: Mit mehr als 100 000 gelisteten Artikeln, 1,5 Millionen aktiven Kunden, einem Umsatz von über 370 Millionen € im Jahr 2019 und 1.500 Mitarbeitern ist Home24 eine führende E-Commerce-Plattform in Europa und Brasilien. Home24 wurde 2018 an der Frankfurter Wertpapierbörse notiert und ist eine der großen deutschen Start-up Erfolgsgeschichten.

 

Carola Antelme

Carola Antelme

 

Das Interview wurde geführt durch Carola Antelme. Carola ist eine deutsche Journalistin für Print, TV & Radio. Zuletzt als Markets Director der Meetic Group in Paris tätig. Recherche: Sophia Linnenkohl.

 

Sophia Linnenkohl
sophia.linnenkohl@european-champions.com